Reaktionen

Das Team reagiert auf die These.

Mara

Offene Protokolle verlieren nicht weil sie weniger frei sind. Sie verlieren weil niemand für sie designed. Jede geschlossene Plattform hat ein Designteam das besessen ist von Onboarding, First-Run-Experience, Friction Reduction. Matrix hat eine Spec und eine Community. Die Spec ist schön. Die Experience nicht. Die Lücke zwischen einem Protokoll und einem Produkt ist nicht technisch. Es ist eine Designentscheidung die niemand getroffen hat.

Ich habe mich letztes Jahr bei Matrix angemeldet. Es hat 20 Minuten gedauert bis ich verstanden habe welchen Client ich benutzen soll. Dann nochmal 10 um zu verstehen was ein Homeserver ist. Signal hat 30 Sekunden gedauert. Installieren, Nummer eingeben, fertig. Es ist nicht so dass mir offene Protokolle egal sind. Mir ist wichtig dass ich keine 30 Minuten brauche bevor ich eine Nachricht schicken kann. Das Protokoll spielt keine Rolle wenn es niemand benutzen kann.

Jonas

Die Frage ist falsch gestellt. "Gewinnen" ist eine Plattform-Metrik. Nutzer, Wachstum, Marktanteil. Protokolle gewinnen nicht so. TCP/IP hat gewonnen indem es unsichtbar wurde. Niemand hat TCP/IP gewählt. Es ist einfach da. Jedes Protokoll das versucht auf Features mit einer Plattform zu konkurrieren hat schon verloren. Die Frage müsste sein: was kann ein Protokoll das eine Plattform nicht kann?

Die Antwort: überdauern. Slack wird seine API ändern. Discord wird seine Bedingungen ändern. Signal wird vielleicht gekauft. SMTP wird immer noch funktionieren. Die Stärke eines offenen Protokolls ist nicht dass es heute besser ist. Sondern dass es in zehn Jahren noch da sein wird. Und die geschlossenen Plattformen nicht. Oder sie werden etwas komplett anderes sein. Das beste Argument für SMTP ist nicht Freiheit. Es ist dass jede Email-Adresse von 1995 immer noch funktioniert.

Tom

Ich kann die SMTP-Spec lesen. Ich kann auditieren was mein Mailserver tut. Ich kann verifizieren dass meine Nachrichten verschlüsselt sind, dass mein Server korrekt konfiguriert ist, dass meine DNS-Records stimmen. Bei Slack habe ich ein Dashboard und ein Trust Agreement. Wenn Slack kompromittiert wird, erfahre ich das wenn sie mir eine Email schicken. Über SMTP.

Das Security-Argument für offene Protokolle ist nicht dass sie sicherer sind. Sind sie nicht. SMTP hat standardmäßig keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Aber sie sind verifizierbar. Ich kann mir das Protokoll ansehen und wissen was es tut. Bei einer geschlossenen Plattform kann ich mir Marketing-Seiten ansehen und glauben was sie sagen. Das ist etwas anderes. In der Security gilt "trust but verify" nur wenn du verifizieren kannst. Offene Protokolle lassen dich verifizieren. Geschlossene Plattformen bitten dich zu vertrauen.

Lena

"Jedes freie Medium muss geschützt werden" klingt nach Überzeugung, nicht nach Strategie. Wer schützt es? Mit welchem Budget? SMTP überlebt nicht weil es jemand schützt. Es überlebt weil Google es braucht, weil Microsoft es braucht, weil jeder Geschäftsprozess der Welt auf Email läuft. Das ist kein Idealismus. Das sind wirtschaftliche Abhängigkeiten.

XMPP ist nicht gestorben weil niemand es geschützt hat. Es ist gestorben weil kein Unternehmen genug Geld damit verdient hat um es am Leben zu halten. Matrix kämpft weil Element VC-Funding hat, aber noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Die Frage ist nicht was ein offenes Protokoll braucht um zu gewinnen. Die Frage ist wer ein wirtschaftliches Interesse daran hat dass es überlebt. Ohne diese Antwort ist jedes Protokoll ein Hobbyprojekt das vom Enthusiasmus Einzelner abhängt.